Vaterland

A film by Uli M Schueppel

Deutschland 1992, S-16mm, 1:1,85, Farbe, 89min

FESTIVALS: Rotterdam, Göteborg, Montreal, Rimini, u.v.a.

PREISE: „Internationaler Filmpreis der Katholischen Kirche“ 1993, OCIC-Jury, Amien

Der Algerier Kadir F. wird kurz nach dem Fall der Mauer, nach zweijähriger Zwangsverwahrung, aus einer Ost-Berliner Nervenheilanstalt entlassen. Er nimmt sich vor, in diesem L and noch einmal neu zu beginnen. Doch er muss bald erkennen, dass es für ihn darin keinen Platz gibt. Seine deutsche Frau hat sich von ihm getrennt und bereits die Scheidung eingereicht. Nur bei seinem – ihm vorher unbekannten – zweijährigen Sohn Louis findet er menschliche Nähe und eine Aufgabe, nach der er sich sehnt. Ansonsten erlebt er nur Kälte und Fremdheit. Als ihm dann seine Frau auch noch verbietet, Louis zu besuchen, weil er dazu – wie sie sagt – keinerlei Recht mehr hat, sind seine Chancen für einen Neuanfang endgültig dahin.

Kadir ist durch die Demütigung in Zugzwang geraten, muss reagieren. Er entführt seinen Sohn. Mit ihm flieht er, von dumpfer Sehnsucht getrieben, in Richtung Süden. Seine Sehnsucht heißt Algerien, doch kaum, dass er aufgebrochen ist, wird es ihm wieder bewusst, wie angespannt seine Beziehungen zu seinem Vater, zu seinem eigenen Land früher gewesen sind.

Die Flucht treibt die Beiden durch Wüsten der Zivilisation, und genauso entwurzelt wie sie selber sind, wirken auch das Land, das sie durchqueren, und die Menschen, denen sie begegnen. Eine surreal anmutende Reise nimmt ihren Anfang.

Pressereaktionen

Die Dialoge in diesem ersten abendfüllenden Spielfilm von Uli M Schueppel beschränken sich auf knappe Lebensäußerungen. Die Worte sind behutsam gesetzt, dergestalt, als könne jede zu rasch gesprochene Sentenz die Wahrheit dieser eindringlichen Geschichte in Bildern gefährden. ‚Vaterland‘ schildert den Leidensweg, die Passion eines in die Fremde geworfenen Ausländers. Flucht, Entwurzelung und die Kälte in einem lieblosen Deutschland verdichten sich zu einem fantastischen Panorama. (…)
Die Stärke der Produktion liegt in der Suggestivkraft, die sich in Trauer vermittelt. ‚Vaterland‘ ist demnach ein gewichtiger Beitrag, ein melancholisches Epos, das ganz in die Gegenwart hineinpasst und in seiner Offenheit den Dialog zwischen Fliehenden und versteinerten Deutschen eröffnet. Der Kontext von Heimat, Asyl, Fremde und sozialer Mitmenschlichkeit hat hier ohne plakative überschriften und Anklagen zur Sprache im Bild gefunden. Aus der Produktion ist sehr viel Nutzen zu ziehen – ich denke auch an Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung -, ohne dass der Betrachter je das Gefühl haben wird, belehrt worden zu sein. Auch das ist Kunst!.

Funk-Korrespondenz Nr. 46, Christian Hörburger, 1992

Ein Kleines Fernsehspiel gerät zum großen Lichtblick im Spätprogramm. Mit einer kreisenden Bewegung der Kamera beginnt und endet der Film. Symbol der Aus-weg-losigkeit, des sich im Kreise Drehens, einer geschlossenen Kurve, die irgendwo einen Anfang und nirgendwo ein Ende hat? (…) Eine Reise ans Ende der Nacht. (…)
Und gäbe es nur dieses eine ‚Kleine Fernsehspiel‘ zuzeiten, die Arbeit der Redaktion wäre für lange gerechtfertigt. Heutzutage, wo ein Mord und zweistellige Einschaltquoten schon ein Fernsehspiel entschuldigen.
‚Vaterlan‘ von Uli M Schueppel, das ist auch das eingelöste Versprechen eines großen Talents. Schon sein langer Schwarzweißfilm ´The Road to God knows where‘ (1990)´, in dem er Nick Cave & The Bad Seeds auf einer Tournee durch die USA begleitete, war eine radikale Absage an die Konventionen des lärmenden Musikfilms. Eine traurig-schöne, in ihrer Ruhe vibrierende Beobachtung der
auf einer Tour, die immer wieder poetische Momente hervorbringt. Es ist längst an der Zeit, Hoffnungen auf den deutschen Film nicht nur bei einschlägigen Namen zu suchen. Und nicht nur im Kino, sondern nachts im Fernsehen.

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Manfred Delling, 1992

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin (…) bringt auch heute noch Absolventen hervor, deren die deutscvhe Filmkultur dringend bedarf. Zu ihnen gehört Uli M Schueppel. (..) Er erzählt die Geschichte einer seelischen ‚Winterreise‘ gleichwohl ohne anklägerische Diktion. Er vertraut auf die poetische Kraft seiner Bilder und auf die Sensibilität einer assoziativen filmischen Erzähltechnik, die in den Außenwelten auch die Seelenlandschaften der Menschen aufspürt.

Stuttgarter Zeitung, B.Z., 1992

Uli M Schueppel bringt mit seinem Film eine oft in Vergessenheit geratene Tugend des Filmemachens in Erinnerung: dass die ‚Sprache‘ des Films sich in Bildern ausdrückt. (…)

Wiesbadener Kurier, Hellmut Lange, 1992

(…) Mit grosser Intensität gestaltete Schueppel in seinem Filmdebüt das Abbild schreiender Trostlosigkeit

Kölner Stadt Anzeiger, Agnieszka Lessmann, 1992

(…) Diffus wie das Licht verschwimmt der Film im Irgendwie – rätselhaft wie die Dialoge der Sinn der Geschichte. Im Auge des Betrachters bleiben vor allem die wie Gemälde arrangierten Kameraeinstellungen hängen. Und das Gefühl: Irgendwie ist Schueppels ‚Vaterland‘ ein schöner Film.

Stern, HGS, Nr. 46

Presseerklärung der OCIC – Jury zur Preisvergabe an „Vaterland: “ The film invites us to reflect on the cultural and spiritual roots. It criticizes the loss of values in the West, illustrated by the destruction of nature, the absence of human warmth, the breaking up the family and the indifference for the other.“

Uli M Schueppel zu seinem Film „Vaterland“ (September 1992):

„… dass ein Werden geschehe und die Wirklichkeit komme.“
(Ernst Barlach)

Es gibt im Film eine Szene, in der der fliehende Kadir einem ausgesetzten Hund begegnet. Laut Drehbuch ist der Hund an einem Bauwagen festgebunden und ist wild und aggressiv. Am Vortag der Dreharbeiten führte mir der Requisiteur den Hund eines Schäfers vor: Ganz in seinem Element, übermütig bellend, scheuchte er eine riesige Schafherde über eine Wiese.

Die Filmszene wurde dann aber inmitten eines gewaltigen Braunkohletagebaus, mehr als hundert Meter unter Bodenniveau, gedreht. Der Bauwagen stand auf der Ebene der Kohle, ringsum schwarze Erde, soweit man sehen konnte. Und von fern, wie Dinosaurier im Nebel, kreischten und stöhnten die riesigen Bagger. Nachdem der Schäferhund dorthin gebracht wurde, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er sackte sichtlich in sich zusammen, und von seiner Vitalität und Kraft war plötzlich nichts mehr zu spüren. Wie kommt es nur, dass wir Menschen fähig sind, eine solche Umgebung distanziert zu erleben, losgelöst von unserer eigentlichen Lebenssituation, unserer Wirklichkeit?

„Vaterland“ erzählt von einer solchen Entwurzelung – für mich wohl das zentrale Thema des zu Ende gehenden Jahrhunderts. Dabei denke ich nicht unbedingt an die, die freiwillig oder gezwungenermaßen in einem anderen Land, in einer anderen Kultur leben. Sie sind ja „nur“ das Produkt einer überall sichtbar werdenden geistigen Entwurzelung. Durch den Verlust vieler humaner Ideale, durch den Zusammenbruch der sozialen Utopien, durch die fragwürdig gewordenen Stellung der Religionen, durch den verrotteten Zustand der Natur, unseres Lebensraums bleibt uns kaum noch eine Möglichkeit, irgendwo Halt zu finden.

Wir zeigen in diesem Film die Geschichte eines „Fremden“, der sich auf den Weg macht, einen „An-halts-punkt“ zu suchen, einen lebenswerten Platz für die Zukunft, eine Heimat für sein Kind. (…)

„Vaterland“ ist eine Geschichte aus Deutschland. „Vaterland“ ist eine Tragödie. Es mag Filmemacher geben, die auf die politische Entwicklung in diesem Land mit Satiren oder Komödien reagieren. Ich selber konnte nicht anders; ich musste das Gefühl jener tragischen Orientierungslosigkeit, dem ich seit dem Herbst 89 so häufig begegnet bin, ernst nehmen und es erlebbar machen.

Die Drehorte, die Landschaften spielen in diesem Film eine Hauptrolle. Ich habe die „neuen Länder“ – auf der Suche nach geeigneten „Seelen-Landschaften“ – über mehrere Monate durchreist. Ich wollte, dass der emotionale Gehalt der Szenen von den Drehorten reflektiert wird. Das Drehbuch wurde parallel zu diesen Reisen entwickelt; so konnten meine Erlebnisse unterwegs und die Geschichten der Menschen, denen ich begegnet bin, in die Szenen einfließen.

Nur am Rande: Während der Dreharbeiten im Braunkohlerevier südlich von Leipzig bezog das Team in einem kleinen Dorf Quartier, das direkt an den riesenhaften Kühltürmen eines Kraftwerks lag. Wenn wir morgens zu den Dreharbeiten fuhren und auch abends, wenn wir zurückkamen: In diesem Dorf regnete es immer! Selbst wenn überall uns herum die Sonne schien. Der aus den Kühltürmen ausgestoßene Dampf erkaltete vsofort und fiel als Nieselregen – bei fast immer gleicher Windrichtung – ununterbrochen auf dieses Dorf. Das sei jedes Jahr so, von November bis März regne es eben, hieß es, als sei dies völlig selbstverständlich. Die absurde Wirklichkeit ist die eigentliche Tragödie!

Bereits viele Monate vor Beginn der Produktion begannen wir mit Olivier Picot die Erarbeitung der Rolle des Kadir. Er hatte bereits in meinem ersten Film „Nihil“ mitgespielt. Auch diesmal hatte er die Aufgabe eine distanzierte Figur zu gestalten, trotz seines merkwürdig verinnerlichten Verhältnisses zu seinem Sohn. Es war uns wichtig, dass sich auf keinen Fall eine klassische Heldenfigur in der Geschichte breit macht. So haben wir versucht, eine beinahe unnahbare Person zu entwickeln, die immer gleichermaßen Opfer und Täter ist, wie auch die Figuren entlang Kadirs Weg, wie auch das durchreiste Land.

Die bereits im Drehbuch angelegte fragmentarische Erzählweise wurde in der Montage noch verstärkt. Die dadurch entstandenen Sprünge und Leerstellen innerhalb der Geschichte sollen den Zuschauer herausfordern, sie mit seiner Phantasie und mit seinen eigenen Erfahrungen ausfüllen.

Filme, die „alles“ aussprechen, die dem Zuschauer „alles“ (vor-)sagen, vorkauen wollen, sind nicht meine Sache. Die Spannung dieses Films soll durch den bRaum entstehen, der sich den Zusachauern darbietet, um ihre eigene Wirklichkeit, ihre eigenen Gefühle einzubringen.

„Vaterland“ bietet also keine Lösung an. „Vaterland“ ist ein Aufschrei.

(erstmals veröffentlicht im ZDF-Monatsjournal, 11/92)

 

Credits:

Cast:

KADIR Olivier Picot
FRIEDA Heide Bartolomäus
HEIDRUN Christin König
WOJTEK Miroslav Baka
PAUL Alexander Hacke
ALTE FRAU Gudrun Okras
IRENE Myriam Abbas
LOUIS Ferdinand Böttker
a.o.

Team:

SCRIPT & DIRECTOR Uli M Schueppel
ASSISTENT DIRECTOR Nancy Rivas,
Katja Pratschke

CAMERA Ciro Cappellari
CAMERA ASSISTENT Janucz Reichenbach
LIGHTING Jean-Baptiste Filleau
Peter Zick
SOUND Jörg Bohlmann
Nanett Creuzburg
SCENARY Jörg Kuschnir
Susan Turcot
CATERING Sarah Wiener
FOTOS Nina Fischer

MUSIC Alexander Hacke
Mick Harvey
STUDIOTECHNIK Thomas Stern

EDITING Inge Schneider
SOUND MIXING Martin Steyer

SHOOTING-NORTH AFRICA
S-8 CAMERA Uli M Schueppel
ASSISTENT Susan Turcot
ASSOCIATE PRODUCER Jacques Bouchoucha
CASTING Hamadi Zaough

UNIT MANAGER Annette Drees
ASSOCIATE PRODUCER Martin Schlüter,
Jürgen Geiselmann
LINE PRODUCER Albert Kitzler
EDITORIAL ADVISER Hans Kutnewsky
PRODUCTION Trans-Film
Schueppel-Produktion
Zweites Deutsches Fernsehen

SHOOTING: November/Dezember 1991
FIRST TV-SCREENING: ZDF, 10. November 1992
DISTRIBUTION: Trans-Film, Berlin
Schueppel-Produktion
WORLD SALES Jane Balfour, London

SOUNDTRACK Harvey (Mute-Records)
Hacke (Ego – Rough Trade)