Jahre der Kälte

A FILM BY ULI M SCHUEPPEL
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Beta SP ; 89min; schwarz/weiß; Deutschland 1993/94

PREMIERE: Babylon-Filmkunsthaus, Berlin; 28. August 1994, International Filmfestival Rotterdam 2. Februar 1995

tv-AUSSTRAHLUNG: ZDF 30. August 1994

FESTIVALS: Rotterdam, Leipzig, Montreal, New York, u.a.

„Jahre der Kälte“ lässt sich direkt HIER als VoD-Stream ansehen!

JAHRE DER KÄLTE from schueppel-films on Vimeo.

„Du wirst mich nicht verstehen.“
mein Sohn.“

„Jahre der Kälte“ schildert auf ganz persönliche und formell unkonventionelle Weise das Herantasten des Berliner Filmregisseurs Uli M Schueppel an einen verschwiegenen Aspekt deutscher Nachkriegsgeschichte.

Viele Jahre nach dessen Tod denkt der Filmautor an sein Verhältnis zu seinem Vater zurück, besser gesagt an das Verhältnis seiner Generation zu der ihrer Väter. Er stellt eine bestürzende Sprachlosigkeit fest, die symptomatisch ist für die Zeit des Auseinanderlebens der beiden Teile, der beiden Generationen Deutschlands. Der Film „Jahre der Kälte“ ist eine subjektive Wahrheitssuche, eine dokumentarische Recherche verschütteter, vergessener, verdrängter Fakten aus einem Kapitel deutscher Geschichte nach 1946 über die wir noch immer wenig wissen.

Der Vater, Prof. Horst EM Schueppel, war als damals 23jähriger Lehrer in der Sowjet. Besatzungszone Gründungsmitglied der LDP (FDP) von Sachsen. Als ihm deswegen Verfolgung drohte, floh Schueppel nicht wie andere in den Westen und wurde 1948 verhaftet. Wegen „Diversion und Spionage“ u.a. wurde er 1949 von einem sowjet. Militärgericht zum Tode verurteilt und später zu „fünfmal lebenslänglich begnadigt“. Er saß zunächst in der Haftanstalt von Bautzen, wurde dann aber auf Druck der Besatzungsmacht ins sowjet. Arbeitslager Workuta im äußersten Norden des Ural verlegt. Durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der BRD kam er 1955 mit vielen weiteren politischen Häftlingen frei und siedelte sich im Westen an.

Uli M Schueppel hat sich mit den damaligen Weggefährten seines Vaters getroffen und es gelingt ihm durch die Berichte dieser Zeitzeugen – Menschen, die für Demokratie bereit waren etwas zu riskieren – ein atmosphärisch beklemmendes Bild dieser deutschen Epoche wachzurufen.

Die Abspanntitel des Films sind hier.

Filmautor Uli M Schueppel zu „Jahre der Kälte“ HIER.

Aus dem Drehtagebuch (Jahre der Kälte) v. Uli M Schueppel HIER.


Jahre der Kälte – Pressestimmen

„Dieser Film geht sehr nahe ran. Er zeigt alte Männer, Augen, Münder vor einer schwarzen Leinwand. Sie erzählen von Horst (…) und von Workuta, einem sowjetischen Lager für Zwangsarbeit, von Dumpfsinn, Krankheit, Schneestürmen, Kohleschächten und Selbstmord. Blixa Bargeld kommentiert die Reden mit Klängen, mit dumpfen, metallenen Schlägen und mit der Ahnung einer melodiösen Wehmut. Nahaufnahmen einer Super8-Kamera rhythmisieren den Filmschnitt, zeigen Wände, Gänge, Drähte, Decken. Es geht um das Grauen einer Generation. (…)
Die Wirkung ist verblüffend. Es scheint, als flackere die Montage auf, als brenne sie. Dann dehen sich die unheimlichen Dazwischen-Heischungen zu Filmsequenzen aus. Bilder einer grauenhaften Gefangenen-öde, von Maschinen und Einsamkeit sind zu sehen. Das Nicht.Mehr.Verdrängen-Wollen erscheint auf Super8. Dazu werden einige Gedichte des Vaters verlesen. Hier endet jeder Spuk.“

Süddeutsche Zeitung, Marcus Hertneck, 1994

„(…) ‚Zu spät‘, ist das letzte Wort. Der Film, ein Essay der Trauer aus Briefen und schwarzweißen, aus dem Dunkel der Vergangenheit gehobenen Bildern, scheint dem zu widersprechen. Hier wird Trauerarbeit versucht, ohne schönzufärben, ohne sich selbst zu schonen. Kein Film, der einen beschaulich sich zurücklehnen lässt, der auf Unterhaltungswerte Rücksicht nähme. Der Strapazen nicht scheut. In seiner optischen Armut nähert er sich dem Elend von einst. Ein Film, der wirklich physische Schmerzen bereitet, nicht zuletzt durch seine ungeschützte, persönliche Reflektion.“

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Wilfried Geldner, 1994

„… Aus der Hommage an den Vater wird jedoch – nicht zuletzt durch die Gedichte des Vaters – alsbald auch eine Hommage an all die anderen: Keine Helden des Widerstands vielleicht, och Menschen ‚die einfach den Mut hatten dagegen etwas zu sagen‘ (Schueppel); und dies wiederum macht seinen Abschied vom Vater, der ja gleichzeitig eine Begrüssung ist, über die Qualitäten des Zeitdokuments hinaus zu einem sehr aktuellen Film.“

Südkurier, T.Gangloff, 1994

„… Eine eindringliche Skizze versäumter Fragen. …“

taz, R. Wollowski, 1994

„… So war diese ausgezeichnete Dokumentation gleichzeitig ein Film über die Grenzen des Genres – und ein Trauern über versäumte Fragen, aber auch über versäumte Erzählungen.“

Badische Zeitung, J.Lehmann, 1994

„… Die undramatisch, aber eindrucksvoll gefilmten Schilderungen von Zeitzeugen enthüllten ein Bild des Grauens, das aus dem deutschen Bewusstsein nicht verdrängt werden darf.“

Neue Ruhr Zeitung & Badisches Tageblatt, P.Michael, 1994

„… die filmische Spurensuche von Uli M Schueppel weist weit über private Geschichtsbewältigungsversuche hinaus. Sie ist ein Dokument deutsch-deutscher Geschichte und die längst fällige Darstellung der Anfänge des demokratischen Widerstands. …“

Badische Neuste Nachrichten, peko, 1994

„… Eine erschütternde Spurensuche, ein bewegendes Dokument.“

Hamburger Abendblatt, G. Wolf, 1994

„… ein Film darüber, wie das Schweigen über die Vergangenheit bis heute den Alltag belastet.“

Mitteldeutsche Zeitung, T.Hirsch, 1994

„Bodenlose Verzweiflung. Beklemmender sah man Geschichte auf dem Bildschirm wohl schon lange nicht mehr. (…) Die oft gepriesene Redaktion ‚Das Kleine Fernsehspiel‘ hat sich mit ‚Jahre der Kälte‘ neues Lob verdient.“

Westfälische Rundschau, O.Heuer, 1994

Mehr als ein Dokumentarfilm! (…)“

Kölner Stadt Anzeiger, TH, 1994

„Packend, bewegend, nachhaltig.“

Münchner Merkur, E.Horn, 1994

 

Filmautor Uli M Schueppel zu „Jahre der Kälte“

Sechs Jahre nach dem Tod meines Vaters finde ich in seinen Unterlagen unter anderem auch die Abschrift eines Briefes, den er 1953 während des Aufstands im sowjetischen Zwangsarbeiterlager Workuta geschrieben hat adressiert: „An meinen noch ungeborenen Sohn.“

„Dein Vater, mein Junge – sei dessen immer eingedenk – musste es tun, weil er die Freiheit und den Menschen liebte, und weil es zu seiner Zeit keinen anderen Weg gab als zu kämpfen.“

1949 wurde er in der Sowjetischen Besatzungszone zu fünfmal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Warum? Er sprach kaum darüber und ich habe nie gefragt…
Erst die Wiedervereinigung Deutschlands hat mir, und wohl zu großen Teilen meiner (west-)Generation deutlich gemacht, dass gerade diese Zeit der frühen DDR (bzw. Sowjet. Besatzungszone) ein wichtiger Teil auch unserer Geschichte ist. Insbesondere in den immer wieder auftauchenden Diskussionen um Mittäter, Mitläufer, und dem (un-)möglichen Widerstand.

K.: „Mein Lehrer sagte zu mir: Halt die Schnauze! Kommst viel weiter damit! Und da habe ich gesagt: Herr Berger, es kann nicht jeder die Fahne nach dem Wind drehen. Denn er war vorher SPD gewesen, dann lief er mit dem Hakenkreuz herum, und nun bei den Kommunisten lief er mit Hammer und Sichel rum. Und ich sage: Das kann nicht jeder. Da sagt er: Das musst du lernen. Du siehst doch, ich komme besser zurecht als du. Da hat er recht gehabt…“

Ich traf mich mit früheren Gefährten meines Vaters, ehemaligen politischen Häftlingen, ließ mir detailliert die weitgehend unvorstellbaren Geschehnisse der Jahre 1947 bis 55 schildern – und hörte jetzt zu.
Ich suchte die damaligen Gefängnisse und die Überreste der Arbeitslager auf, und ganz behutsam entstand ein imaginärer Dialog zwischen mir und meinem Vater.
Aus der Distanz der vergangenen 40 Jahre legen sich so zwei Zeit-AB-läufe nebeneinander, glauben sich manchmal auf fragwürdige Weise zu berühren, während die Orte, als Koordinaten des Schreckens, die Berührungspunkte markieren.

S.: „Das war auch so eine Strafzelle, die konnte man mit Wasser füllen… Da haben sie mich dann bis zur Gürtellinie unter Wasser gesetzt, und eine Nacht da stehen lassen…“

Es geht mir in dem Film um keine „objektiv-historische“ Sicht des Zeitgeschehens. Die Dokumentation reiht fragmentarisch die individuellen Erlebnisse der Zeitzeugen entlang des Schicksals meines Vaters. Dabei wird versucht ein dichtes, atmosphärisches Bild dieser Epoche entstehen zu lassen – vor allem jedoch ein menschlich nachvollziehbares Bild. Hier werden keine Helden des Widerstands vorgeführt. Menschen aber, die den Mut hatten „einfach was dagegen zu sagen“.

A.: „ Und da wurde er dann sauer, und fragte: Kennst du Honig? Stell dir einen großen Pott Honig vor, 1000 Kilo. Ich sage, ja, kann ich mir vorstellen. Kennst du Scheiße? Ja, sage ich. Stell dir einen Löffel Scheiße vor. Nimmst den Löffel und schmeißt ihn in den Honig. Und dann verrührst du das, weißt du was dann ist? Ich sage, was soll sein, der Honig ist verdorben. Ja richtig, sagt er, und dieser Löffel Scheiße, das bist du!“.

Die fünfzehn zu den Gesprächen vor der Kamera bereiten ehemaligen Häftlinge hatten zumeist noch nie so ausführlich über das Geschehen von damals berichtet. Bei Einzelnen zog sich dieses Beantworten meiner vielen ungläubigen Fragen acht bis zehn Stunden hin. Da wir das Zeitgeschehen chronologisch aufrollten, war es für jeden auch ein erneutes Eintauchen in die Erinnerung. Bei Einigen wurde dabei etwas wachgerüttelt, was sie sicherlich gehofft hatten, dass es für immer vergessen sei. Noch Wochen nach den Dreharbeiten hörte ich von ihnen, dass die wiederaufgetaute Kälte der Erinnerungen sie nicht mehr ruhig schlafen ließ.

S.: „Von Workuta konnten wir uns natürlich keine Vorstellung machen. Das liegt ja nördlich des Polarkreises, und das da acht Monate Winter sind, das konnte man sich auch nicht vorstellen.
Können Sie sich acht Monate Winter vorstellen?“

Die lange Schachteinfahrt zu Beginn führt den Zuschauer in das Dunkel dieser Zeit. Innerhalb dieser Ebene sollte sich der Film, quasi als eine dem Fiktionalen entliehene Zeitmaschine, behutsam vorantasten. Es galt eine Bilderwelt zu finden die das Geschilderte weder illustriert, noch aus der zeitlichen Distanz, von Außen kommentierend darstellt. Noch während der Dreharbeiten war mir völlig unklar wie dies in der Umsetzung funktionieren soll. Ein erster Ansatz dafür war der schwarze Vorhang vor den sie die Gesprächspartner zu setzen hatten. Dadurch konnte vermieden werden, dass räumliche Hintergründe, etc., die Personen in ihrer heutigen, privaten Situation charakterisieren und so vom Inhalt des Erzählten ablenken.

D.: „An der Pritsche stand auf einer Tafel das Strafmaß. Das hat man jeden Morgen vor Augen gehabt. So, 1976 wirst du irgendwann mal rauskommen – aber nicht nach Deutschland. Dann kommst du in die Verbannung…“

Weitaus schwieriger gestaltete sich die Konzeption der unmittelbaren Nähe im Hinblick auf die Orte des Geschehens, die ehemaligen Untersuchungsgefängnisse, die Lagerkomplex in der Ex-DDR und die Reste der Regimelager in Russland. Was für Bilder lassen sich dafür heute noch finden? Bei der Montage stellt sich heraus, dass sämtliches gedrehte Material immer diesen journalistisch, distanzierten Blick von Außen, den zeitlichen ‚Rück-Blick’ beinhaltete und somit unbrauchbar war.
Mehr aus privaten Erwägungen hatte ich während der Drehpausen mit meiner Super8-Kamera gefilmt. Ohne mir dessen bewusst zu sein, hatte ich dabei den klaustrophobischen Blick der Häftlinge übernommen, den ‚Ein-Blick’. Nie waren da zum Beispiel die Gebäude aus der Entfernung zu sehen, oder der gefilmte Rundgang im Gefängnishof richtet sich zwanghaft nach unten auf das Kopfsteinpflaster, ein visuell zitterndes Tasten über Wandstrukturen, das unruhige Suchen nach etwas Fassbaren – oder nach Licht.. Trotz ihrer technischen Mängel denke ich, dass aus diesen Aufnahmen ein Gefühl spricht. Selbst manche Unschärfe erscheint mir wie der verschwommene Blick durch eine Träne. Diese Aufnahmen lassen endlich mein Schaudern an diesen Orten erkennen.

B.:“Das oberste Gebot eines jeden, der dort im Lager lebte hieß: Sieh zu das du den Tag überlebst.“

Noch nie hat mich interessiert einen Film nur über eine bestimmte Thematik zu machen. Nur wenn ich mich in das Thema, den Inhalt, selbst einbringen kann, mich darin bewege, erhalte ich die Möglichkeit auch den Zuschauern ein Gefühl zu vermitteln, das über die Behandlung des eigentlichen Themas hinausführt.
Vor kurzen hat mich jemand gefragt, ob ich denn nun Neues über meinen Vater erfahren hätte? Nein, natürlich nicht, da hätte ich wohl selbst mit ihm darüber sprechen müssen. Dies beantwortet zu bekommen war für mich auch nicht das Ziel. Aber ich habe endlich zugehört.
Und dies möchte auch dieser Film vermitteln: Lust machen zuzuhören. Junge Zuschauer dazu anzuregen selbst nachzufragen.

O.: „So geben wir das Leben weiter, dass man uns hat nehmen wollen.“

Aus dem Drehtagebuch (Jahre der Kälte) v. Uli M Schueppel:

Bautzen, 12.5.1993
„Seit Tagen der gleiche Traum:
irgendwo gibt es einen Häftling der alle Fragen zu meinem Vater beantworten könnte. Ich weiß, dass ich bereits mit ihm in Kontakt stand. Doch alle Blätter, auf die ich meinte seine Adresse geschrieben zu haben, sind leer. Ich versuche mich zu erinnern wie er hieß, wer er war, doch ich erinnere mich nicht. Ich gerate in Panik. Ich weiß, es ist die wichtigste Gesprächsperson. Manchmal bilde ich mir sogar ein mit ihm gefilmt zu haben…
Ich durchwühle alles Material, den Schreibtisch und finde nichts. Leere Blätter.
Ich wache auf und bin immer noch der Überzeugung, dass diese Person doch existiert. Existiert hat. Existiert haben muß. Ich rätsele und überlege. Suche wieder alles ab.
Ich bin sicher, dass es diesen Menschen gegeben hat, doch so sehr ich auch nachdenke… Ich kann nicht glauben jemand übersehen zu haben.
Nach der vierten Nacht erzähle ich von diesem Traum meiner Mutter. Sie weiß sofort, dass diese Person nur mein Vater sein kann.“

Workuta, 22.6.1993
„Mitternacht – Mitsommer. Moskau nach drei angespannten Tagen verlassen. Auf der endlosen Fahrt zum Flughafen verschleiert sich der Himmel mit einem weichen Schimmer. Wieder Warten in der Abfertigungshalle. Nach einigem Hin und Her bekommen wir doch noch die Plätze für den Flug um 3 Uhr 15.
Workuta. Synonym für das Ende seit Beginn meines Lebens. Von diesem Begriff spitzte sich alles zu und muß also darin auch seine Auflösung finden. Aber was suche ich nur in Workuta. Als wäre es der letzte mögliche Schritt, der Extremste in die Nähe meines Vaters. Wo bleibe ich und was passiert mit mir? Bleibe ich zurück, oder überspringe ich zwei Felder?
Workuta. Selbst noch in Moskau müssen wir uns grauenhafte Geschichten vom dort ansässigen „Banditenvolk“ anhören. Als eines der ersten ausländischen Filmteams mit der Erlaubnis dort zu drehen, werden wir als Pioniere betrachtet.
Wir fliegen durch eine helle Nacht. Ich versuche zu schlafen, doch die gemurmelten Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge dröhnen in meinem Kopf.
Unter uns irgendwann nur noch Sümpfe und Tundra. Workuta um 6Uhr30 früh. Ein kurzes Rollfeld, dann zu Fuß zum Flughafengebäude, das nicht größer erscheint als der Bahnhof einer Kleinstadt. Schon hier blättert überall der Putz ab.
Als erste Überraschung scheint die Sonne und es ist warm. Natürlich konnte man Ende Juni keinen sibirischen Winter erwarten, trotzdem war mit Workuta natürlich immer nur Schnee und Kälte assoziiert. Die Kälte und Härte aber schlägt uns schon bei den ersten Begegnungen von den Menschen hier entgegen. Der Taxifahrer, die Frau an der Hotelrezeption. Man zeigt uns in allem, dass wir hier nicht gern gesehen sind. Selbst Anatoli, unser Moskauer Begleiter, der schon einige harte Ecken Russlands als ZDF- Übersetzer kennt, ist nicht mehr wiederzuerkennen, wirkt mit einem mal verkrampft und verstellt. Wir fühlen alle Erwartungen bestätigt, und doch…
Ein kurzer Schlaf im einzigen Hotel der Stadt. Das Vernichten von Kakerlaken wird zum Muß. Das schreckliche Klischee eines sozialistischen Hotelzimmers am Ende der Welt.
Wir sind eingeladen zum Essen mit dem (Vize-)Bürgermeister der Stadt. Sein Fahrer holt uns im schwarzen Wolga ab. Kurz darauf sitze ich also mit einem altkommunistischen Vertreter in einem nur für offizielle Anlässe reservierten Separee eines Lokals und stoße den mitgebrachten Whiskey auf die deutsch-russische Freundschaft an. In Workuta, dem Ort in dem mein Vater die Hölle durchleben musste. Immer mehr befürchte ich, dass das ganze Projekt zur Farce wird. Und ich zum Chamäleon, das anfängt beim Farbwechsel zu hyperventilieren, bis es platzt.“

Workuta, 24.6.1993
„Der Natschalnik.
Ein angeblich unübersetzbarer Begriff, der sich aus einem Netzwerk von Macht und Kontakten zusammensetzt. Er führt als Vize-Bürgermeister in Abwesenheit des Ersten die Geschäfte der Stadt Workuta. Der Mann spielt den Staatsmann. Stolz erzählt er am Bau des Hotels mitgewirkt zu haben. Kommentarlos verschweige ich die unzähligen Kakerlaken, die gebrochenen Rohre und die Risse in den Wänden. Seine globige Figur, das massige, doch schlaue Gesicht erinnert wahrlich an die Karikatur eines russischen Politikers…
Sein hölzerner Zeigestock, mit dem er mir an der Wandkarte die kreisförmig um Workuta herum stationierten Bergwerkeund die früher damit verbundenen Arbeitslager erklärt, könnte umgedreht ebenso als Schlagstock verwendet werden. Wie er ihn aufhebt, dreht und hält, scheint es, als wäre dies sicher auch schon vorgekommen. Geht mit mir die Phantasie durch? Tue ich ihm unrecht? Warum habe ich immer wieder die Vorstellung, dass in einer anderen Situation er ebenso gut mein Folterer, mein Untersuchungsrichter oder Zellenwärter sein könnte? Was projeziere ich hier eigentlich? Was will ich sehen, und was ist hier wirklich?“

Workuta, 25.6.1993
„Die Sonne wandert unaufhörlich weiter am Horizont entlang. Jegliches „Zeitgefühl“ ist verloren gegangen. Der 24stündige Sonnenuntergang…
Allmorgendlich das gleiche Ritual. Um die Drehgenehmigung und irgendwelche Sonderwünsche bewilligt zu bekommen, muss ich mich morgens um 7h im jeweils schon völlig überfüllten Warteraum des Bürgermeisteramts einfinden. Der Vize-Bürgermeister schaut jeweils kurz aus seinem Büro und ruft Anatoli und mich herein. Immer kaut er noch. Wir erklären ihm kurz, was wir heute vorhaben und uns wünschen, er nickt, greift das Telefon, kommandiert brüllend hinein und sofort danach uns gegenüber freundlich und zuvorkommend, erklärt er das alle Probleme geklärt seien. Wieder grinst er breit, „darauf muß getrunken werden!“
Da man an die Überreste der Arbeitslager in der Tundra nicht mit dem Auto herankommt, bewilligt er uns heute doch tatsächlich (für 50 Dollar) eine eigene Eisenbahn mit Wagons die wir (auf der einspurigen!!!) Gleisstrecke um Workuta den ganzen Tag fahren und vor allem anhalten können, wo wir wollen. Die ganzen Kohlezüge müssen warten und uns ausweichen…
Dann geht’s jeweils in den nebenan liegenden Sitzungssaal, dort meist schon (noch?) ein Freund, vor einem täglich neuen 5Liter-Kannister Bier, und über den Sitzungstisch auf Papier ausgebreitet Fetzen in Salz getrockneten Fischs. Alternierend zum Bier leeren wir die andere Hälfte der drei Liter Flasche Wodka. Zwischen idiotischen Trinksprüchen erklärt er mir seine touristischen Pläne für Workuta und erwartet meinen Rat. Absurdes Theater – ich sitze mit auf der Bühne und weine.
Nach etwa anderthalb Stunden ist das Ritual beendet, er führt mich durch den inzwischen völlig überfüllten Warteraum, durch riesige, endlos scheinende Flure, bis nach draußen, vor das imposante Eingangstor, schüttelt mir kräftig mit beiden Händen meine zögernde Hand und reckt dann die Faust zum kommunistischen Gruß. Irgendwie komme ich die langen Treppen hinunter und schaue mich um, da steht er noch immer mit der Faust. Ich renne los. Nur weg…“

Moskau, 29.6. 1993
„Zwei Zeit (AB)läufe nebeneinander setzen. Der Abstand von 40 Jahren. Die Orte der Geschehnisse als Koordinaten. Wie kommt es, dass Orte einen Charakter entwickeln können?
Orte des Schreckens machen heute noch zittern.
Zeit zu einem begreifbaren Körper werden lassen.
Aus (Körper-/Geschichts-)Fragmenten diesen Körper wachsen lassen.
Die Suche nach Spuren in den Gesichtern. Das Festhalten der Sprachlosigkeit muss mehr aussagen als aussenstehende Erläuterungen.
Der nachgeborene Zeuge. Die späte Zeugung. Ich lege dein Zeugnis ab. Der Körper Zeit entwickelt deine Konturen.“

 

Credits:

The Contemporary Witnesses:
Günther Albrecht, Hans-Rudof Beckmann, Rudolf Bentz, Sigurd Binski, Theodor Desens, Werner Gumpel, Dietrich Hartwig, Erhard Körbitz, Walter Krötki, Wolfgang Mischnick, Heinz Ott, Helfried Piper, Horst Schüler, Hans-Ulrich Schüppel, Bernhard Schulz

The Places:
Potsdam, Lindenstraße
Halle, „Roter Ochse“
Bautzen, „Gelbes Elend“
Berlin, Lichtenberg
Workuta, 10.Lager, Schacht 29

Poems by Horst EM Schüppel 1948 – 1955
Narrator: Christian Brückner

Concept, Director & Montage: Uli M Schueppel

Camera: Wolfgang Hogekamp (Video); Uli M Schueppel (Film)

Music: Blixa Bargeld
(by using a cadence from Franz Schubert)
Instrumentation: Blixa Bargeld, Roland Wolf, Mick Harvey
Mixing: Mark Elsner, Multiple Noise Studios

Sound: Susan Turcot
Film-Mix: Christian Graupner

VideoPostproduction: Stefan Schwietert, „Weltbild Berlin“

Unit Manager: Margarete Hahner (Berlin), Anatoli Bojev (Moskau)

TV-Supervisor: Dr. H. Kutnewsky, Das Kleine Fernsehspiel, ZDF
A „schueppel-production“ , coproduced by ZDF/3sat

Vertrieb: ZDF – Enterprises
schueppel-produktion, Berlin
videographe, Montreal